Die erzieherische Bedeutung des Angelns

 

Prof. Dr. Wilfried Bos

Institut für Schulungsentwicklungsforschung der Universität Dortmund

Privatdozent Dr. Siegfried Uhl

Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft und Empirische Bildungsforschung an der Pädagogischen Hochschule Erfurt

 

Beim Erziehen geht es immer darum, dass die Kinder und Jugendlichen etwas Wertvolles erwerben. Dabei kann es sich um Wissensgüter handeln, um Gefühlsbereitschaften, gute Einstellungen, Wertüberzeugungen, Tugenden, Fertigkeiten oder irgendwelche anderen Qualitäten der Persönlichkeit. Damit die Kinder und Jugendlichen diese erlangen, setzt man Erziehungsmittel ein. Als Mittel der Erziehung kommt alles in Betracht, von dem man einen Beitrag zur Entstehung, Festigung oder Erhaltung der erwünschten Persönlichkeitsqualitäten erwarten kann.

 

Vom pädagogischen Standpunkt ist auch das Angeln ein Erziehungsmittel. Es kann wie das Wandern, das Musizieren und der Sport vom Erzieher für viele verschiedene Zwecke eingesetzt werden. Wie bei jedem anderen Mittel gibt es selbstverständlich auch hier keine Erfolgsgarantie. Mit Blick auf die Ergebnisse der Forschung über ähnliche Erziehungsmittel kann man aber davon ausgehen, dass das Angeln unter günstigen Rahmenbedingungen einen Beitrag zur Erfüllung einiger zentraler Erziehungsaufgaben leisten kann. Es ist anzunehmen, dass es sogar ein verhältnismäßig erfolgversprechendes Erziehungsmittel ist. Die wichtigsten Aufgaben, für die es sich eignet, sind die folgenden:

 

 

1. Das Verständnis für Natur- und Tierschutz.

 

Seit ungefähr drei Jahrzehnten findet der Gedanke des Naturschutzes in der Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer ist die zunehmende Einsicht in die Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen, die die Verschwendung von Rohstoffen und die nachlässige Beseitigung von Abfällen aller Art mit sich gebracht haben. Der zweite Grund ist die Besorgnis über die ungewollten Nebenwirkungen der Industrialisierung und Verstädterung: Viele Menschen wissen kaum mehr über die grundlegenden Vorgänge in der Natur Bescheid. In weiten Teilen der Bevölkerung fehlt das Verständnis für das verschlungene Wechselspiel, das den Menschen und die Tier- und Pflanzenwelt in ihrem gemeinsamen Lebensraum verbindet. Ein dritter Grund ist die Befürchtung, dass die Naturferne gerade bei jungen Menschen die Vorstellungs- und Gefühlswelt verarmen lässt. Sie könnte im äußersten Fall dazu führen, dass Kinder und Jugendliche unempfänglich werden für die Schönheit der Natur und die moralische Pflicht zu ihrer Bewahrung gering schätzen.

 

Alle diese Krisenerscheinungen haben dazu beigetragen, dass der Natur- und Tierschutzgedanke an Ansehen gewonnen hat und zu einem fast überall anerkannten Erziehungsziel geworden ist. In den Schulgesetzen wird den Lehrern zum Beispiel zur Aufgabe gemacht, ihre Schüler "zu einem verantwortlichen Umgang mit der Umwelt und der Natur" zu erziehen. Die fachdidaktische Literatur ist voller Anregungen, wie dieses allgemeine Ziel ausgelegt und in Teilziele aufgegliedert werden kann. In der Pädagogik gibt es eine eigene Teildisziplin mit dem Namen Theorie der Umweltbildung, in der man sich mit der Umwelterziehung beschäftigt. Die entscheidende Frage ist: Gibt es überhaupt Mittel, mit denen man als Erzieher solche anspruchsvollen Ziele wie "ökologisches Bewusstsein", Verantwortungsgefühl und Bereitschaft zum naturverträglichen Handeln erreichen kann?

 

Die meisten Fachleute stimmen überein, dass Information und Unterweisung dafür nicht ausreichen. Die "verbal-problemorientierten" Unterrichtseinheiten zur Umwelterziehung, wie sie an vielen Schulen üblich sind, sind zwar nicht nutzlos: Die große Mehrheit der Schüler verfügt am Ende über die Wissenselemente, die vom Lehrer behandelt worden sind. Aber Einstellungsänderungen in der gewünschten Richtung allein auf diesem Weg zu erreichen ist schwer. Dies geht - wenn überhaupt - nur bei einem Teil der Schüler und kann schnell wieder verloren gehen. Dauerhafte Verhaltensänderungen als Resultat einer reinen Wissensvermittlung werden nur in sehr geringem Maß beobachtet und gelten als Ausnahme.

 

Mehr Aussicht auf Erfolg haben die so genannten "erlebnis- und Handlungsorientierten" Erziehungsprogramme. Ihr gemeinsames Merkmal ist, dass dem Erleben und der eigenen Tätigkeit mehr Gewicht gegeben wird als dem Zuhören und Diskutieren. Die Kinder und Jugendlichen sollen die Natur aus eigener Anschauung kennen- und wertschätzen lernen. Sie sollen sich in echten und nicht nur gestellten Anforderungssituationen bewähren und sich gemeinsam mit anderen für eine erstrebenswerte Sache einsetzen. Nach Möglichkeit sollen sie mehr durch das gute Beispiel und die fachliche Autorität der Erwachsenen als durch Belehrungen und Appelle dazu gebracht werden, sich richtig zu verhalten. Bei allen Programmen steht die Bereitstellung von Erfahrungs- und Handlungsmöglichkeiten im Vordergrund, etwa bei Segelreisen, Klettertouren, Sommerlagern, Arbeitsaufenthalten in den Ländern der "dritten Welt", dem Anlegen von Biotopen usw. Es liegt auf der Hand, dass auch das Angeln in diese Gruppe von Aktivitäten gehört.

 

Das Angeln - sachgerecht ausgeübt - eignet sich als Erziehungsmittel möglicherweise sogar besser als andere Tätigkeiten. Als Angler nimmt man nicht nur von der Natur oder betrachtet sie als Mittel der Unterhaltung, sondern man dient ihr und pflegt sie. Das setzt ein erhebliches biologisches und ökologisches Wissen, solide Kenntnisse über Gewässer und ihre Reinhaltung und physikalisches und technisches Verständnis voraus. Durch die Einblicke in den Kreislauf des Lebens, die das Angeln mit sich bringt, kann es vor sentimentaler Naturschwärmerei und wirklichkeitsfernen Idealisierungen der Tierwelt bewahren. Jugendliche haben über das Angeln u. a. die Möglichkeit, realistische Vorstellungen über die Gewinnung von Nahrungsmitteln und deren Herkunft zu erlangen. Angeln kann hier im Erziehungsprozess eine ähnliche Aufgabe wie der Schulgarten zukommen.

 

So ist gerade durch die enge Vertrautheit mit den Vorgängen in der Natur zu erwarten, dass ihr Eigenwert erlebt, die Ehrfurcht vor dem Leben geweckt und der Wille zur Erhaltung seiner Vielfalt gestärkt wird. Je früher die Kinder mit der Natur vertraut werden, desto besser. Denn die Ergebnisse der Forschung deuten darauf hin, "dass wohltuender Naturerfahrung, vor allem aus früher Kindheit, noch am ehesten [der] Antrieb zur Natur- und Landschaftserhaltung zugeordnet werden kann".

 

 

2. Die Charakterbildung.

 

Angler gelten seit langem als Menschen, bei denen bestimmte Vorzüge der Persönlichkeit besonders häufig anzutreffen sind. Izaac Walton hat sie schon im 17. Jahrhundert als "Männer von mildem, angenehmen und friedfertigen Wesen" beschrieben, als großzügige, ehrliche und kultivierte Leute. Die "höchst ehrenwerte, unbefangene, stille und unschädliche Kunst" des Angelns habe eine ähnliche Wirkung wie die "Tugend der Demut, die von der Ausgeglichenheit des Geistes und von einer ganzen Welt weiterer Segnungen begleitet wird". Das mag zwar etwas übertrieben klingen, hat aber einen wahren Kern. Bei richtiger Anleitung kommen beim Angeln Faktoren zusammen, die im Regelfall Persönlichkeitsverbessernde Wirkung haben. Einer der wichtigsten ist die Kombination von Freiheit und Bindung, von festen Grenzen und eigener Verantwortung. Aus der empirischen Forschung ist bekannt, dass sich diese Kombination günstig auf das Werden einer Vielzahl von Persönlichkeitsqualitäten auswirkt. Das gilt für Einzelmerkmale wie das Selbstwertgefühl und den Zukunftsoptimismus wie für die Moralität im gesamten.

 

Einerseits gibt es beim Angeln einen festen Satz von Regeln, an die man sich halten muß. Das kommt dem Bedürfnis von Kindern und Jugendlichen nach einer eindeutigen Auskunft entgegen, was sie für richtig halten sollen und wie sie sich zu verhalten haben. Kinder und Jugendliche sind "Grenzen [und Orientierung] suchende Wesen", und beim Angeln wird ihnen ökologisches und moralisches Orientierungswissen geboten. Das geschieht weitgehend ohne Zwang und äußeren Druck durch den Erzieher. Es ergibt sich aus der Sache selbst: Wer Erfolg haben und von den Erwachsenen anerkannt werden will, muss sich unter das "Joch der Notwendigkeit ... beugen" und Selbstdisziplin lernen.

 

Innerhalb des Rahmens an Grundregeln lässt das Angeln andererseits Freiraum für eigene Entscheidungen und selbständiges Handeln. Schon die Vorbereitung verlangt Nachdenken, Umsicht und Genauigkeit. Im Freien ist man oft auf sich allein gestellt und muss sich selbst zu helfen wissen. Unerwartete Situationen müssen überwunden, Wind und Wetter ausgehalten und Enttäuschungen ertragen werden. Das sind genau die Situationen, nach denen sich Kinder und Jugendliche sehnen. Sie wollen aus eigener Kraft etwas leisten und sich bewähren. Wenn man ihnen dazu die Gelegenheit gibt, hat man einen wichtigen Beitrag zur Festigung ihrer Persönlichkeit geleistet. Darüber hinaus können durch Angeln eine Reihe von Tugenden - u.a. Geduld, Aufmerksamkeit, Zielstrebigkeit usw. - vermittelt werden. So ist z.B. eine Angelfabel, bei der es gerade um die Vermittlung dieser Tugenden geht, seit Jahrzehnten integraler Bestandteil der chinesischen Grundschulpädagogik.

 

 

3. Die Förderung der sozialen Beziehungen.

 

Eine problematische Begleiterscheinung der Moderne ist die Schwächung der Bindungen innerhalb der Familie und zu den größeren sozialen Gemeinschaften. Auch hier kann das Angeln ein Gegengewicht schaffen - entweder als gemeinsame Tätigkeit von Eltern und Kindern oder als Freizeitbeschäftigung, die einander sonst fremde ältere und jüngere Menschen zusammenbringt. Aus dem Interesse und der Anstrengung für die gemeinsame Sache ergibt sich fast zwangsläufig ein Gefühl der Verbundenheit, das das gegenseitige Verständnis fördert, Vorbehalte mindert und die soziale Integration erleichtert.

 

Insgesamt spricht viel dafür, dass "frühzeitiges Angeln ... bei Kindern das Verständnis für die Belange von Naturschutz und Tierschutz und den persönlichen Reifeprozess" fördern kann. Dazu müssen allerdings einige Bedingungen erfüllt sein:

 

1.      Kinder und Jugendliche müssen in altersgemäßer Form an das Angeln herangeführt werden. Eltern, Verwandte und mit dem Kind vertraute Bekannte der Familie treffen oft den richtigen Ton, ohne viel zu überlegen. Die Ausbilder in Lehrgängen haben damit mitunter mehr Schwierigkeiten. Sie sollten wenigstens Grundkenntnisse in der Entwicklungspsychologie und Pädagogik haben, damit sie ihr Fachwissen kindgerecht weitergeben können.

2.      Im theoretischen wie im praktischen Unterricht sollte darauf geachtet werden, dass der Natur- und Tierschutzgedanke herausgestellt wird. Man muss den Kindern von klein auf vor Augen führen, dass sie mit der Erlaubnis zum Angeln neben Rechten auch Pflichten zu übernehmen haben, und sie zu ihrer Erfüllung anhalten.

3.      Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn früh mit dem Angeln begonnen wird. Kinder können oft mehr, als man ihnen auf den ersten Blick zutraut. Wer schulreif ist, kann sich auch (unter Anleitung und Aufsicht) mit den Anfangsgründen des Angelns vertraut machen und erste praktische Erfahrungen machen. Ab zwölf, spätestens ab 14 Jahren steht der Teilnahme an Vorbereitungslehrgängen und an der Prüfung zum Erwerb des Fischereischeins nichts entgegen. Ab diesem Alter sollten die Jugendlichen bei erwiesener Eignung selbständig angeln dürfen.

4.      Die Anglerverbände sind gut beraten, Zeit und Geld in die Jugendarbeit zu stecken und dafür ihre besten Mitglieder einzusetzen. Die Qualität des Ergebnisses hängt in hohem Maß von der Qualität der Ausbilder ab. Eine alleinige "Do – it -yourself" - Ausbildung durch vielleicht wenig sachkundige oder evtl. wenig verantwortungsbewusste Angler außerhalb der Vereine dürfte mehr Schaden als Nutzen bringen.

5.      Man muss damit rechnen, dass einige Kinder und Jugendliche keine Freude am Angeln finden oder wegen geistiger oder charakterlicher Mängel nicht (oder noch nicht) als Angler in Frage kommen. In diesen Fällen sollte man die Ausbildung abbrechen und sie auf Betätigungsfelder lenken, die ihnen besser zusagen.

                                                                                          

 

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